Eine selbstständige Erwerbstätigkeit der Frau in der Stadt war ungewöhnlich
- aber es gab sie dort mehr als auf dem Land. Es ist für uns heute
wichtig, diese Ausnahmen zu erforschen. Sie waren lange in der von Männern
beherrschten Geschichtsschreibung vergessen.
In der mittelalterlichen Stadt arbeiteten selbständige und unselbstständige
Frauen. Waren sie selbstständig, wurde ihre Stellung in der Gesellschaft
vom Status ihres Mannes als Zunftmitglied oder von einem eigenen
Meistertitel abgeleitet.
Der mittelalterliche Markt
Zünfte waren die Selbstschutzorganisationen der Handwerker,
welche sie z.B. vor den Risiken des Marktes schützen sollten.
Die Zünfte legten Preise fest, bestimmten die Größe der
Betriebe, die Zahl der Beschäftigten usw.
Um sich gegen die städtischen
Ratsherren durchzusetzen, erließen sie Zunftordnungen, welche
ihre Aufnahmebedingungen und die Formen des Zusammenhaltes
regelten. Vertreten in der Zunft waren die Meister, Gesellen und
Lehrlinge.
Die Gesellen und Lehrlinge waren aber abhängig von
den Meistern, weil sie von ihnen den Lohn gezahlt bekamen.
"Man schlägt
Frau", Deutschland 1456
Zunftrechte der Frauen im Mittelalter
Frauen konnten selbst Meisterinnen werden, wenn z.B. der Ehemann starb und die Frau den Betrieb weiterführen wollte. Bei einer Neuheirat verlor sie allerdings ihr Zunftrecht. Als Bedingung beim Führen des Meistertitels wurde bei den Frauen ein "ordentliches Leben" vorausgesetzt.
Neben den Frauen mit "abgeleitetem" Zunftrecht gab es auch "Bürgerinnen zu eigenem Recht". Das waren Frauen, die selbstständig Handel treiben oder ein Handwerk ausüben durften. Aus dem mittelalterlichen Köln z.B. sind uns Urkunden erhalten geblieben, in denen selbstständige Meisterinnen in folgenden Berufen erwähnt werden:
Leinenweber, Gewandmacher, Kleidung für Ritter,
Ritterausrüstung, Wappensticker, Beutelmacher, Kürschner, Bäcker, Brauer
u.a,
"Die
Spinnstube", Holzschnitt von H.S. Behan, 16.
Jahrhundert
Wehrdienst für Zunftfrauen im Mittelalter
Ein Argument gegen die Teilnahme der Frauen am Erwerbsleben war, dass diese ja keinen Wehrdienst zum Schutz des Staates leisten könnten. Als sich damals einige Frauen im Wirtschaftsleben
durchsetzten, kam man darauf, sie eine Sondersteuer zahlen zu lassen. Mit dem Erlös sollte ein Stellvertreter bezahlt werden, der für die Frau Wehrdienst leistet. Damals wurde übrigens schon das Argument
widerlegt, Frauen könnten keine schwere Arbeit tun: Es gab z.B. Schmiedemeisterinnen.
Frauenzünfte im Mittelalter
Neben den Frauen in Männerberufen gab es auch reine Frauenzünfte, z.B. die Goldspinnerinnen, die Garnmacherinnen und die im Seidengewerbe Arbeitenden.
Aber auch hier wollten die Männer noch
Einfluss behalten, nur Männer durften die Frauenzünfte nach außen vertreten und der Handel mit den von Frauen hergestellten Waren durfte nur von Männern durchgeführt werden.
Das machten dann meist
die Ehemänner, die im Spätmittelalter auch in den Frauenzünften dadurch ein wirtschaftliches Übergewicht bekamen.
Lohnarbeiterinnen im Mittelalter
Da nicht alle Frauen den Betrieb ihres verstorbenen Mannes übernehmen konnten und nicht viele Lehrmädchen das notwendige Kapital für einen eigenen Betrieb hatten, verkauften viele ihre Arbeitskraft als Lohnarbeiterinnen (mit abgeschlossener Lehrzeit) oder als Hilfsarbeiterinnen (ohne Ausbildung).
Ihre Stellung war sehr unsicher. Sie konnten jederzeit entlassen werden und sie wurden noch schlechter
bezahlt als die Männer. In der fest gefügten Gesellschaft des Mittelalters hatten sie auch wenig Hoffnung, auf eine Verbesserung ihrer
Lebenssituation.
Im Mittelalter gab es Frauenüberschuss
Im Mittelalter gab es weit mehr Frauen als Männer. Als Gründe dafür werden in der Literatur z.B. angegeben: die zahlreichen Fehden, Kreuzzüge und Kriege, der meist die waffenfähigen Männer zum Opfer fielen. Dann auch die stärkere Anfälligkeit der Männer für Krankheiten der Zeit wie Pest und Typhus.
Durch diese Umstände gab es sehr viele unversorgte, sprich: unverheiratete Frauen. Durch den
Arbeitskräftemangel und den Frauenüberschuss gelangten Frauen auch in Positionen, die ihnen bis dahin versagt geblieben waren.
Berufe der Frauen im Mittelalter
In der Stadt gab es neben Zunftfrauen und Arbeiterinnen auch solche in
nicht-zünftigen Berufen, wie z.B. Ärztinnen, Baderinnen und Hebammen. Aber auch einige Lehrerinnen sind in mittelalterlichen Quellen beschrieben worden, die private Schulen meist für die Töchter der zünftigen Handwerker führten. Im Gegensatz zu der heutigen gesellschaftlichen Isolierung der Prostituierten gehörten diese damals als fester Bestandteil zum städtischen Leben. Sie lebten in sog. Frauenhäusern, die einem Frauenwirt
unterstanden.
In manchen Fällen mussten sie neben der Miete noch unbezahlte Arbeit für den Wirt verrichten, wie z.B. Stoffe weben, die dieser dann für sich verkaufte. Andererseits achtete die Stadt auf eine genügende gesundheitliche Versorgung der Frauen - vielleicht wollten sich die Stadtväter keine Krankheiten holen. Da man diese Frauen im rechtlichen Sinne als
"ehrbar" betrachtete, konnten sie durch eine Heirat mit einem ehrbaren Bürger,
ins bürgerliche Leben zurückkehren.
Aus Leipzig ist bekannt, dass dort die sog. "gemainen frouwen" eine eigene Zunft bildeten, die sogar bei Prozessionen ihren angestammten Platz hatte.
In den Quellen und Urkunden des Mittelalters muss man sehr genau suchen, bis man herausfindet, welche Berufe Frauen noch gehabt haben: so ist bekannt, dass Frauen z.B. in Köln im städtischen Dienst angestellt waren als Geldwechslerinnen, Zöllnerinnen, Salzmuterinnen (die maßen das Salz ab), Kornkäuferinnen
u.v.m. Nicht zu vergessen sind auch die städtischen Hebammen, die später nur
noch mit einem männlichen Arzt zusammenarbeiten durften.