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Schwarze Messen
Beschreibung einer »Schwarzen Messe«
Um die Jahrhundertwende beschrieb der französische Dichter Joris-Karl Huysmanns in seinem Roman
"Lä Bas" ("Tief Unten") eine schwarze Messe. Von Huysmanns weiß man, dass er an satanistischen Praktiken teilgenommen hatte. Seine Beschreibung gilt deshalb als einigermaßen authentisch, wenn man von dichterischen Übertreibungen absieht. Seine Interpretation des Vorgangs ist stark von der späteren Bekehrung zum Katholizismus beeinflusst. Die Übertreibungen gehen aber nicht so weit, dass man nicht in dem Kanonikus Docre einen bekannten Pariser Satanisten jener Zeit erkannt hätte, Stephane de
Guaita.
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Die Szene beginnt damit, dass der autobiographische Held des Romans,
Durtal, von einer Freundin zu der fast nur von Frauen besuchten Messe in einer ehemaligen christlichen Kapelle mitgenommen wird:
"Da ist er", murmelte sie plötzlich, während die Frauen vor ihnen dahin liefen, um im Gestühl niederzuknien.
Geleitet von zwei Chorknaben, das Haupt bedeckt mit einer Scharlachmütze, auf der zwei Bisonhörner aufragten, trat der Abt ein.
Er verneigte sich feierlich vor dem Altar, stieg die Stufen hinan und begann mit der Messe.
Da sah Durtal, dass er nackt war unter den Messgewändern. Sein Fleisch, abgeschnürt durch hochsitzende Strumpfbänder, kam über seinen schwarzen Strümpfen zum Vorschein. Das Messgewand war von der gewohnten Form, aber es war vom dunklen Rot getrockneten Blutes, und in der Mitte zeigte in einem Dreieck, um das eine Vegetation von Zeitlosen, von Weinäpfeln und Euhorben aufwucherte, ein schwarzer Bock aufrecht seine Hörner.
Docre machte die Kniebeugungen, die mittleren oder tiefen Verneigungen, wie das katholische Ritual im einzelnen vorschreibt; die Chorknaben gaben kniend die lateinischen Antwortgesänge heraus....
Darauf wurde der Dienst unterbrochen.
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Altar für die schwarze Messe, Buchumschlag, Paris
1929 |
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| Romanillustration zu
Huysmanns´ "Schwarze Messe" |
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Der Priester stieg, rückwärts schreitend, die Stufen herab, kniete nieder auf
der letzten und schrie mit schwankender und scharfer Stimme: "Meister
aller Tumulte, der du austeilst die Wohltaten des Verbrechens, Verwalter der
üppigen Sünden und der großen Laster, Satan, dich beten wir an, du
logischer, gerechter Gott du!
... du rettest die Ehre von Familien durch Abtreibung in Bäuchen, die im
Vergessen schöner Erinnerungen fruchtbar werden
...du gibst den Müttern die Hast der Frühgeburten ein, und deine
Geburtshilfe erspart den Kindern, die vor der Geburt sterben, die Ängste des
Reifens, den Schmerz der Abstürze!
... Meister, deine getreuen Diener flehen auf ihren Knien dich an.... bitten
dich, bei den Missetaten zu helfen, deren unbekannte Spuren die menschliche
Vernunft aus der Bahn werfen ...sie erbitten endlich von dir für dich, König
der Enterbten, für dich, Sohn, den der unerbittliche Vater verjagte, Ruhm
Reichtum und Macht...
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Nun will Docre Jesus beschwören, damit die
Gemeinde seinen Leib in Form der Hostie beschimpfen kann: "Und du,
du, den in meiner priesterlichen Eigenschaft ich zwinge, magst du wollen
oder nicht, herabzusteigen in diese Hostie, Fleisch zu werden in diesem
Brote, Jesus, kunstreicher Webemeister des Betrugs, Räuber von
Huldigungen, Dieb der Neigung, höre du!... Du hast vergessen jener
Armut, die du predigtest ...
Du hast gesehen, wie man die Schwachen zermalmte, hast gehört das
Röcheln der Verschüchterten, die Hungersnot lähmte, der Frauen, denen
der Bauch aufgähnte um ein wenig Brot- und hast ...durch deine
Handelsvertreter, deine Päpste, als Antwort gesandt hinzögernde
Entschuldigungen, ausweichende Verheißungen, du Säckelmeister der
Sakristei, du Gott der Geschäfte !
"Amen!" riefen die kristallenen Stimmen der
Chorknaben...ein Schweigen folgte auf das Geheul; die Kapelle qualmte im
Nebel der Räucherbecken. Die Frauen, bisher in stummer Ruhe, erregten
sich heftig, als der Kanonikus von neuem den Altar erstieg, sich zu
ihnen wandte und mit großer Geste mit der linken Hand sie segnete.
Und plötzlich schwangen die Chorknaben Glöckchen. Es war wie ein
Signal. Frauen sanken auf den Teppich und wälzten sich. Eine schien
unter der Wirkung eines Federwerkes zu schnellen, warf sich auf den
Bauch und durchruderte mit den Füßen die Luft; eine andere, plötzlich
geschlagen mit grässlichem Schielen, gluckste, verlor die Stimme und
lag da mit klaffendem Kiefer, die Zunge zurückgeschlagen, Zungenspitze
hoch am Gaumen. Eine andere, aufgeschwemmt, bleifarben, Pupillen
geweitet, warf das Haupt nieder auf die Schultern, reckte es jähen
Wurfs hoch und bearbeitete sich mit den Fingernägeln: zerkratzte sich
die Kehle...
Und Durtal, voller Entsetzen, sah mitten im Rauch wie durch einen
Nebel hindurch d i e roten Hörner des Docre, der , sitzend jetzt, vor
Raserei schäumte, ungesäuerte Brote aß und wieder ausspie, sich den
Arsch damit wischte, ums sie dann unter die Frauen zu verteilen; sie
aber wühlten das Erhaschte mit Brunstschreien in sich ein oder stürzten
übereinander, um es zu schänden.
Aus: Joris-Karl Huysmanns,
"Tief Unten", deutsch von V.H. Pfannkuche, Berlin (UllsteinVerlag),
1972 |
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