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Die Hexen sind los!
Die Hexen der Neuzeit
Studien zur Sozialgeschichte eines kulturellen Deutungsmusters.
Das Buch "Die Hexen der Neuzeit existiert vermutlich noch im Handel. Der
Sammelband vereinigt verschiedene soziologische, historische und
anthropologische Vorschläge zur Erklärung von Genese und Zerfall des
sogenannten Hexenwahns in Europa. Er ist sozusagen eine Fortführung des Bandes
"Aus der Zeit der Verzweiflung". Herausgegeben von Claudia Honnegger
Edition Suhrkamp
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Hexenlied
aus Frankfurt:
"In der Nacht ist die Frau nicht gern alleine. Darum gehen
wir heut im Vereine. Angemacht - wird heut nacht - von uns keine -
Und sowieso und überhaupt und außerdem." |
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| Die Hexen sind los - in wallenden
bunten Gewändern, die Gesichter weiß bemalt oder hinter
schaurigen Masken versteckt, ziehen sie durch die Straßen.
Auf der Reeperbahn, auf dem Kudamm und in Schwabing-genau da
fallen die Hexen, wo Frauen normalerweise mit Männern
promenieren. Sie machen einen Höllenlärm, mit Kochdeckeln
und Trillerpfeifen, sie kreischen und erhellen die Nacht mit
Pechfackeln.
?Wir erobern uns die Nacht zurück!" Viele
tausend Frauen waren in der Walpurgisnacht, in der Nacht zum
1. Mai unterwegs. Sie demonstrierten gegen Männergewalt und
Vergewaltigung. Sie demonstrierten, dass die erst sechs
Jahre alte Frauenbewegung in der Bundesrepublik immer stärker
wird. Nach der bundesweiten Mobilmachung gegen den Paragraph
218 hatten Feministinnen zum ersten Mal überregional
Protestmärsche gegen männliche Brutalität organisiert. Es
wird nicht das letzte Mal sein, Denn die Zahl der
Vergewaltigungen nimmt zu, wie männliche Gewalttätigkeit
gegen Frau überhaupt. |
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Dafür gibt es viele Grunde. Und
ganz sicher ist es auch eine . Reaktion auf das wachsende
Selbstbewusstsein und die Befreiungsversuche von Frauen. Um
was es ging erfuhren Passantinnen aus Flugblättern. "Die Angst ist unser schlimmster Feind",
lasen sie in Köln. "Sobald es dunkel wird, verschwinden wir Frauen von den Straßen. Wir haben gehört,
dass die Nacht den Männern gehört. Und wenn wir uns nicht daran halten, müssen wir damit rechnen, angemacht, belästigt und vergewaltigt zu werden . Man hat uns eingeredet, wir seien selbst schuld, wenn wir angemacht, belästigt und vergewaltigt werden." Genau darum werden auch die meisten Vergewaltiger nicht angezeigt. Alle 15 Minuten wird in der BRD eine Frau vergewaltigt, 35. 000 Fälle waren es im vergangenen Jahr. Nur 700 Täter wurden verurteilt! Was tun?
"Pöbeln uns die Männer an, pöbeln wir zurück - Schlagen Männer uns, schlagen wir zurück!" riefen die Frauen in Frankfurt. Eine Männerclique am Straßenrand war
unvorsichtig genug, diese Ansage nicht ernst zu nehmen - sie
mussten prompt erfahren, dass Frauen sehr wohl in der Lage sind, zurückzuschlagen. |
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Die Macht der Männer über die Frauen
Überhaupt die Reaktionen der Männer: Häme und Hilflosigkeit. So manches Gesicht drückte genau das aus, wogegen demonstriert wurde: drohende
Gewalttätigkeit. Und dann die Pärchen: Die Begleiter gerieten auffällig oft in Panik, sicherten sich ihr Schätzchen rasch mit einem Küsschen, legten demonstrativ den Arm um die Schulter,
"Du bleibst hier!" donnerte ein Kölner, dessen Freundin sich spontan dem Zug anschließen wollte. Das hast du doch nicht nötig oder?" Fast alle Passantinnen schauten sehr, sehr
nachdenklich ...
In Berlin eroberten sich die Hexen nicht nur die Nacht, sondern auch den Kudamm - nach Abschluss der offiziellen Demonstration. Was natürlich verboten war, aber folgenlos blieb. Auch die Frankfurterinnen wichen von der erlaubten
Route ab und stürmten durch den Hauptbahnhof. ...Meine Damen", bleiben sie auf ihrem Weg!"
Dabei war der verbotene Weg durchs, Dirnenviertel genau der richtige: die Prostituierten wussten sofort worum es
ging. (Besser als andere Frauen kennen sie Nacht und Männergewalt): Sie klatschten Bei fall und warfen den Demonstrantinnen Blumen zu. Später war in den Zeitungen zu lesen, die wildgewordenen Weiber hätten mit
Farbbeuteln, Mehlsäcken, gar mit Ei um sich geworfen, dabei hätte auch mal ein Schaufenster, ein Auto Schaden
genommen. Über den Schaden, den die Frauen genommen hatten, herrschte Schweigen.
Nichts davon, dass in Berlin einige Frauen verprügelt wurden, nichts davon,
dass ähnliches in Köln geschah. In Frankfurt warf ein Anwohner einen Blumentopf in die Menge. Eine Frau wurde verletzt. Die Berliner BZ schwieg sich darüber aus,
wusste aber von Frauen zu berichten, die mit ?Säure gespritzt" hätten, Ein Mann sei verletzt worden. Die Berlinerinnen staunten:
"Wir hatten doch nur Zitronensaft..."
Sabine Schruff
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